Liebesmystik bewegt sich in einem empfindlichen Bereich. Sie spricht von Nähe, Sehnsucht, Berührung, Hingabe, Vereinigung und manchmal auch von Glut, Kuss oder Wunde. Gerade deshalb braucht sie Klarheit.
Denn wo Liebe und Spiritualität zusammenkommen, entstehen nicht nur tiefe Erfahrungen, sondern auch Missverständnisse, Verharmlosungen und Übergriffe.
Die Grenze verläuft dort, wo aus Tiefe bloße Wirkung wird.
Kitsch will Gefühle sofort erzeugen. Er will rühren, wärmen, trösten, ohne in die Tiefe zu führen. Er arbeitet mit schönen Bildern, süßen Formeln, sanfter Innigkeit und einer Art spiritueller Zuckerwatte.
Liebesmystik ist anders.
Sie kann zärtlich sein, aber sie ist nicht harmlos. Sie kann innig sein, aber sie ist nicht oberflächlich. Sie kann schön sein, aber sie bleibt wahr.
Wo alles nur noch weich süß und ungefährlich wird, wo Liebe nur noch dekorativ erscheint und keine innere Verwandlung mehr verlangt, da beginnt Kitsch.
Nicht alles, was von Liebe, Einheit oder Hingabe spricht, ist gut. Spirituelle Sprache kann missbraucht werden.
Sätze wie „Das ist heilige Vereinigung“ „Du musst dich nur hingeben“ „Das ist eine höhere Form der Liebe“ können benutzt werden, um Menschen gefügig zu machen, Grenzen aufzulösen oder Macht auszuüben.
Hier ist die Grenze eindeutig:
Da endet Liebesmystik und beginnt Missbrauch.
Liebe ohne Freiheit ist keine Liebe. Hingabe ohne Einverständnis ist keine Hingabe. Vereinigung ohne Wahrheit ist keine Mystik.
Echte Liebesmystik will nicht besitzen. Sie will nicht verschlingen. Sie will nicht manipulieren.
Sie erkennt den anderen nicht als Mittel zur Erregung, nicht als Projektionsfläche, nicht als spirituelles Werkzeug. Sie lässt Würde stehen.
Das gilt auch für den Leib. Der Leib ist in der Liebesmystik nicht Schmutz, aber auch nicht Spielzeug. Er ist ein Resonanzraum der Wahrheit.
Darum ist nicht jede Körperlichkeit heilig. Heilig wird sie dort, wo sie mit Achtung Wahrheit Klarheit und Freiheit verbunden ist.
Kitsch macht alles zu schön. Missbrauch macht alles zu undurchsichtig.
Kitsch sagt: Liebe ist einfach schön.
Missbrauch sagt: Liebe rechtfertigt alles.
Liebesmystik sagt: Liebe ist tief wahr zärtlich und frei und gerade deshalb darf sie nicht lügen.
Wo Schmerz beschönigt wird wo Abhängigkeit romantisiert wird wo Übergriffe mit spiritueller Sprache überzogen werden da ist die Grenze überschritten.
Die wichtigste Frage lautet nicht: Klingt es schön? Klingt es tief? Klingt es erotisch aufgeladen? Klingt es heilig?
Sondern:
Daran entscheidet sich, ob wir es mit Liebesmystik zu tun haben oder mit Kitsch oder Missbrauch.
Liebesmystik wird zu Kitsch wenn sie nur noch süß und folgenlos ist.
Liebesmystik wird zu Missbrauch wenn sie Freiheit Wahrheit und Würde zerstört.
Echte Liebesmystik bleibt nur dort wo Zärtlichkeit und Klarheit zusammengehören wo Sehnsucht nicht Besitz wird wo Hingabe frei ist und wo Liebe niemanden klein macht.
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