Liebesmystik ist kein enger Sonderfall, sondern ein weiter Erfahrungsraum. Sie hat verschiedene Stränge, die sich überschneiden, ergänzen und manchmal auch gegenseitig beleuchten.
Ein großer Teil der christlichen Liebesmystik spricht von der Seele als Braut und von Gott oder Christus als Geliebtem.
Die Grundlage dafür ist das Hohelied der Bibel. Dort wird Liebe nicht moralisch erklärt, sondern poetisch besungen. Die Sprache ist zärtlich, suchend, sehnsüchtig und sinnlich.
Später greifen viele Mystikerinnen und Mystiker diese Sprache auf. Nicht weil sie bloß romantisch sein wollen, sondern weil normale Begriffe für Gottesnähe oft zu arm sind.
Zur Brautmystik gehören etwa:
Liebesmystik ist oft erstaunlich körpernah. Da ist die Rede von Kuss, Berührung, Wunde, Feuer, Schmelzen, Ruhen, Trinken und Umfangenwerden.
Diese Sprache ist nicht zufällig. Sie zeigt, dass Gotteserfahrung nicht nur im Kopf geschieht. Der Mensch liebt nicht nur mit Gedanken, sondern mit Haut, Herz, Atem und ganzer Existenz.
Liebesmystik sagt deshalb oft indirekt: Der Leib ist kein Hindernis der Wahrheit. Er kann ein Ort ihrer Erfahrung sein.
Zur Liebesmystik kann auch gehören, die heilige Familie neu zu sehen. Nicht nur als starres Andachtsbild und nicht nur als moralisches Vorbild, sondern als Raum von Nähe, Zärtlichkeit, Schutz, Vertrauen, Verletzlichkeit und gelebter Liebe.
Maria Josef und Jesus können dann nicht nur dogmatische Figuren sein, sondern Ausdruck eines geheiligten Beziehungsraums.
Hier öffnet sich ein Feld für:
Liebesmystik berührt oft den Bereich des Erotischen. Aber sie ist nicht Pornografie und nicht Reizkunst.
Sie benutzt erotische Sprache, weil Eros und Sehnsucht tiefe menschliche Kräfte sind. Der Unterschied ist: In der Liebesmystik wird Erotik nicht konsumiert, sondern verwandelt. Sie wird Ausdruck von Einheit, Hingabe und Durchlässigkeit.
Darum kann Liebesmystik sehr sinnlich sein und zugleich sehr ernst.
Liebesmystik gibt es nicht nur im Christentum.
Im Sufismus wird Gott oft als Geliebter besungen. Bei Rumi Hafis oder Rabia ist Liebe kein Nebenthema, sondern der eigentliche Weg.
Auch in der Bhakti-Tradition des Hinduismus ist Liebe der Zugang zu Gott. Dort wird das Göttliche besungen, umworben, geliebt und manchmal fast wie ein innigster Partner erfahren.
Das zeigt: Liebesmystik ist keine Randerscheinung, sondern eine Grundform religiöser Erfahrung.
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